Die Christenheit neigt dazu, sich in Lager zu teilen: liberal, konservativ, modern, bibeltreu. Doch kennt die Heilige Schrift solche Kategorien? Ein Blick ins Wort Gottes zeigt einen anderen Weg.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung unserer Zeit, dass wir Christen uns so gerne in Schubladen stecken. Wir sortieren einander nach Merkmalen, nach Haltungen, nach theologischen Schwerpunkten. Da gibt es die Liberalen und die Konservativen, die Evangelikalen und die Progressiven, die Bibeltreuen und die Modernen. Jede Gruppe hat ihre eigenen Erkennungsmerkmale, ihre Sprache, ihre Abgrenzungen. Und oft genug wird nicht nur unterschieden, sondern auch gewertet: Die einen gelten als zu lasch, die anderen als zu eng, die einen als zu weltoffen, die anderen als zu fundamentalistisch. Es wird gemessen, verglichen, beurteilt, und am Ende steht oft nicht Verständnis, sondern Spaltung.

Doch wenn wir einen Schritt zurücktreten und die Heilige Schrift befragen, dann müssen wir uns eine ernste Frage stellen: Kennt die Bibel solche Einstufungen überhaupt? Ist das, was wir da tun, biblisch, oder ist es vielleicht etwas ganz anderes, etwas, das dem Geist Christi fremd ist?

Die Schrift gibt uns eine klare Antwort. Sie kennt keine theologischen Lager im heutigen Sinne. Sie kennt keine Parteien innerhalb der Gemeinde Christi, die sich gegenseitig beäugen und bewerten.

Was sie kennt, ist etwas viel Grundsätzlicheres: Sie kennt den Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen echtem Glauben und Scheinfrömmigkeit, zwischen dem schmalen Weg und dem breiten Weg.

Aber diese Unterscheidungen sind ganz anderer Art als unsere modernen Kategorien. Sie sind nicht horizontal, sondern vertikal ausgerichtet. Sie fragen nicht nach der Position auf einem theologischen Spektrum, sondern nach der Beziehung zu Christus selbst. Die entscheidende Frage der Bibel lautet nicht: Wo stehst du theologisch? Sondern: Kennst du Christus? Gehörst du Ihm? Lebst du in Seinem Wort?

Schon im Neuen Testament begegnen uns Versuche, die Gemeinde in Gruppen zu teilen. In Korinth hatte sich eine gefährliche Spaltung entwickelt. Die einen sagten: – Ich gehöre zu Paulus, die anderen: – Ich aber zu Apollos, wieder andere: – Ich aber zu Kephas, und einige meinten sogar besonders fromm zu sein, indem sie sagten: – Ich aber zu Christus (1. Korinther 1,12). Es waren Parteiungen entstanden, jede Gruppe hatte ihren Lehrer, ihren Helden, ihre Identität. Und was sagt der Apostel Paulus dazu? Er tadelt diese Haltung auf das Schärfste: – Ist Christus denn zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden, oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? (1. Korinther 1,13). Die Fragen sind rhetorisch, die Antwort ist offensichtlich: Nein! Christus ist nicht zerteilt. Es gibt nur einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe (Epheser 4,5).

Die Einheit der Gemeinde gründet nicht in einer gemeinsamen theologischen Position oder einer bestimmten geistlichen Prägung, sondern allein in Christus. Er ist das Fundament, Er ist die Mitte, Er ist das Band, das uns zusammenhält.

Der Heilige Paulus führt diesen Gedanken weiter aus, wenn er schreibt: – Denn durch einen Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, ob wir Juden sind oder Griechen, Knechte oder Freie, und wir sind alle getränkt worden zu einem Geist (1. Korinther 12,13). Die Unterschiede, die die Welt macht, die ethnischen, sozialen, kulturellen Unterschiede, sie verlieren ihre trennende Kraft in Christus.

Wir alle sind durch den einen Geist zu einem Leib zusammengefügt worden. Wir gehören zusammen, ob wir wollen oder nicht, denn wir gehören alle zu Christus.

Das ist die biblische Grundlage für die Einheit der Gemeinde. Sie ist keine Einheit des Geschmacks oder der Meinung, keine Einheit der theologischen Überzeugung in allen Details, sondern eine Einheit des Geistes, eine Einheit in Christus.

Doch nun könnte jemand einwenden: Aber die Bibel warnt doch auch vor falscher Lehre, vor Irrlehrern, vor Wölfen im Schafspelz. Ja, das tut sie. Und gerade deshalb müssen wir genau hinsehen, was die Heilige Schrift als Irrlehrer bezeichnet und was nicht.

Die Warnung vor falscher Lehre ist in der Tat ein zentrales Anliegen des Neuen Testaments. Jesus selbst warnt: – Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (Matthäus 7,15–16).

Der Apostel Paulus ermahnt die Ältesten von Ephesus: – So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu weiden, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft (Apostelgeschichte 20,28–30).

Diese Warnungen sind ernst zu nehmen. Es gibt tatsächlich falsche Lehre, es gibt Menschen, die das Evangelium verdrehen, die Christus nicht bekennen, die die Gnade Gottes in Zügellosigkeit verkehren oder die Erlösung durch Werke predigen. Der Apostel Johannes schreibt: – Denn viele Verführer sind in die Welt ausgegangen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist; das ist der Verführer und der Antichrist (2. Johannes 7). Die Leugnung der wahren Menschheit Christi, die Leugnung Seiner Gottheit, die Leugnung Seines stellvertretenden Opfers, das sind Irrlehren im biblischen Sinne. Das sind die Dinge, die das Fundament des Glaubens erschüttern, die die Seelen der Menschen in Gefahr bringen.

Doch wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass die meisten unserer heutigen Kategorien nichts mit diesen fundamentalen Fragen zu tun haben. Wenn wir von „liberal“ oder „konservativ“ sprechen, dann meinen wir meistens nicht die Leugnung der Gottheit Christi oder des stellvertretenden Sühnopfers. Wir meinen Unterschiede in der Bibelauslegung, unterschiedliche Ansichten über ethische Fragen, verschiedene Gottesdienstformen, unterschiedliche Haltungen zur Kultur.

Das sind wichtige Fragen, gewiss. Aber sind sie so wichtig, dass sie uns berechtigen, die Gemeinde zu spalten, einander die Rechtgläubigkeit abzusprechen, uns gegenseitig zu meiden oder zu verdammen? Die Heilige Schrift gibt uns hier eine andere Weisung.

Gewiss, es gibt auch unterschiedliche Erkenntnisse; doch nicht alles, was von meiner biblischen Einsicht abweicht, ist darum schon eine Irrlehre. Denn die Kirche hat zu allen Zeiten gelernt, zwischen dem zu unterscheiden, was das Herz des Evangeliums berührt, und dem, worin Christen guten Gewissens verschiedener Meinung sein dürfen. Wo die Mitte – Christus selbst, sein Kreuz, seine Gnade – nicht angetastet wird, da sollen wir nicht mit dem Bannstrahl drohen, sondern mit brüderlicher Geduld hören, prüfen und das Gute behalten. Der Heilige Apostel Paulus ermahnt uns zurecht: – Prüft aber alles und behaltet das Gute! (1.Thessalonicher 5,21). Luther selbst hat immer wieder betont, dass man nicht „aus jeder Mücke einen Elefanten“ machen soll, sondern die Hauptartikel festhalten und in den Nebenpunkten christliche Freiheit walten lassen.

Der Apostel Paulus behandelt in seinem Brief an die Römer ausführlich die Frage, wie die Gemeinde mit unterschiedlichen Überzeugungen in Fragen umgehen soll, die nicht das Fundament des Glaubens betreffen. Im vierzehnten Kapitel spricht er von den Schwachen im Glauben und den Starken. Die einen meinten, man dürfe bestimmte Speisen nicht essen, die anderen aßen alles. Die einen hielten bestimmte Tage für heilig, die anderen hielten alle Tage gleich. Das waren ernste Fragen für die damalige Gemeinde, Fragen, die viel Konfliktpotential bargen.

Und was sagt Paulus? – Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen (Römer 14,3). Das ist die entscheidende Aussage: Gott hat ihn angenommen. Nicht ich bin der Richter über meinen Bruder, sondern Gott. Und wenn Gott ihn angenommen hat, dann habe ich kein Recht, ihn zu verachten oder zu richten, nur weil er in bestimmten Fragen anders denkt als ich.

Paulus geht noch weiter: – Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden; denn Gott vermag ihn aufrecht zu halten (Römer 14,4). Diese Worte sind von großer Weisheit und Demut geprägt. Sie erinnern uns daran, dass wir alle Knechte desselben Herrn sind. Wir stehen nicht über unseren Geschwistern, sondern neben ihnen. Und unser Herr ist mächtig genug, jeden von uns aufrecht zu halten, auch wenn wir in manchen Fragen unterschiedlich denken. Das Ziel ist nicht Uniformität, sondern Einheit in der Vielfalt, Einheit im Wesentlichen bei Freiheit im Unwesentlichen.

Damit ist nicht gesagt, dass alle Meinungen gleichwertig sind oder dass wir nicht um Wahrheit ringen sollen. Im Gegenteil. Die Heilige Schrift fordert uns auf, – in einem Geist festzustehen und einmütig miteinander zu kämpfen für den Glauben des Evangeliums (Philipper 1,27). Wir sollen die gesunde Lehre bewahren, wir sollen einander ermahnen und zurechtweisen, wir sollen wachsen in der Erkenntnis Christi. Aber all das soll geschehen im Geist der Liebe, der Geduld und der Demut. Paulus ermahnt Timotheus: – Der Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, fähig zu lehren, geduldig im Ertragen von Bosheiten; er soll mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen, ob ihnen Gott nicht noch Buße geben möchte zur Erkenntnis der Wahrheit (2. Timotheus 2,24–25).

Die Wahrheit ist wichtig, ja, aber die Art und Weise, wie wir für sie eintreten, ist ebenso wichtig. Wenn wir die Wahrheit lieblos verkündigen, wenn wir unsere Geschwister herabsetzen, verachten, ausgrenzen, dann haben wir den Geist Christi verloren, auch wenn wir in der Sache recht haben mögen.

Ein weiterer wichtiger Text findet sich im Brief an die Epheser. Paulus ermahnt die Gemeinde: – So ermahne ich euch nun, ich, der Gebundene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig wandelt, zu der ihr berufen seid, indem ihr mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander in Liebe ertragt und eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens (Epheser 4,1–3). Hier wird uns eine hohe Aufgabe gegeben: Wir sollen die Einheit des Geistes bewahren. Nicht schaffen, denn sie ist schon da, geschenkt durch den Heiligen Geist. Aber bewahren, pflegen, schützen. Und wie geschieht das? Durch Demut, Sanftmut, Langmut und Liebe. Durch das Ertragen einander.

Das Wort „ertragen“ ist bedeutsam. Es bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen müssen, aber es bedeutet, dass wir einander aushalten, dass wir geduldig miteinander umgehen, dass wir nicht sofort den Stab über jemanden brechen, der anders denkt oder handelt als wir.

Die Frage ist also nicht, ob wir Unterschiede wahrnehmen dürfen. Natürlich gibt es Unterschiede in der Gemeinde Christi. Es gibt unterschiedliche Gaben, unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Erkenntnisstufen, unterschiedliche Prägungen. Der Apostel Paulus vergleicht die Gemeinde mit einem Leib, der aus vielen Gliedern besteht: – Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht! oder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht! (1. Korinther 12,21). Die Vielfalt ist gewollt, sie ist gut, sie ist notwendig. Aber die Vielfalt darf nicht zur Spaltung führen. Die verschiedenen Glieder gehören zu einem Leib, und wenn ein Glied leidet, leiden alle mit.

Wenn wir nun unsere modernen Kategorien an diesem biblischen Maßstab messen, dann müssen wir feststellen, dass viele von ihnen problematisch sind. Wenn wir Christen in „liberal“ und „konservativ“ einteilen, dann schaffen wir Lager, die einander misstrauen, die einander ausgrenzen, die nicht mehr als Glieder eines Leibes miteinander umgehen, sondern als Gegner. Wir schaffen eine Atmosphäre, in der nicht mehr die Frage „Gehört dieser Mensch zu Christus?“ im Vordergrund steht, sondern die Frage „Zu welchem Lager gehört er?“. Und das ist eine gefährliche Verschiebung. Denn die Bibel fragt nicht nach Lagern, sondern nach der Beziehung zu Christus.

Das bedeutet nicht, dass wir keine klaren Positionen haben dürfen. Es bedeutet nicht, dass wir alles relativieren müssen. Die Heilige Schrift ist voller klarer Aussagen, voller Gebote und Verbote, voller Wahrheitsansprüche. Jesus sagt: – Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich (Johannes 14,6). Das ist ein absoluter Wahrheitsanspruch. Der Apostel Paulus schreibt: – Wenn aber auch wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würde als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! (Galater 1,8). Das ist eine scharfe Warnung vor falscher Lehre. Die Wahrheit ist wichtig, sie ist heilig, sie ist nicht verhandelbar.

Aber die Wahrheit, von der die Heilige Schrift spricht, ist keine abstrakte Idee, sondern eine Person: Jesus Christus. Er ist die Wahrheit. Und alle rechte Lehre, alle gesunde Theologie, alle biblische Erkenntnis muss sich an Ihm messen lassen. Die Frage ist nicht: Habe ich die richtige theologische Position?, sondern: Verkündige ich Christus? Führe ich Menschen zu Ihm? Baue ich auf das Fundament, das gelegt ist, welches ist Jesus Christus (1. Korinther 3,11)? Wenn wir das im Blick behalten, dann relativiert sich vieles, was uns so wichtig erscheint. Dann werden wir bescheidener in unseren Urteilen, geduldiger mit unseren Geschwistern, liebevoller in unserem Umgang.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen. In der frühen Kirche gab es eine heftige Auseinandersetzung über die Frage, ob Heidenchristen beschnitten werden müssten und das mosaische Gesetz halten müssten. Für manche Judenchristen war das eine fundamentale Frage. Sie meinten, ohne Beschneidung und Gesetzesgehorsam könne man nicht gerettet werden. Die Apostel kamen in Jerusalem zusammen, um diese Frage zu klären (Apostelgeschichte 15). Und was war das Ergebnis? Der Heilige Petrus sagte: – Vielmehr glauben wir, dass wir durch die Gnade des Herrn Jesus Christus gerettet werden, auf gleiche Weise wie jene (Apostelgeschichte 15,11). Die Gnade Christi ist das Entscheidende, nicht die Einhaltung bestimmter Vorschriften. Das Apostelkonzil entschied, dass den Heidenchristen keine Last auferlegt werden sollte außer dem Notwendigen. Sie sollten sich fernhalten von Götzenopfern, von Blut, von Ersticktem und von Unzucht (Apostelgeschichte 15,29). Das waren praktische Regelungen für das Zusammenleben, aber das Heil hing nicht daran.

Interessant ist nun, wie die Apostel nach diesem Konzil mit den unterschiedlichen Praktiken umgingen. Paulus, der vehement dafür gekämpft hatte, dass die Heidenchristen nicht beschnitten werden müssen, ließ dennoch Timotheus beschneiden, – um der Juden willen, die in jener Gegend waren (Apostelgeschichte 16,3). Er war bereit, in unwesentlichen Dingen nachzugeben, wenn es dem Evangelium diente. Er schreibt: – Denn obwohl ich allen gegenüber frei bin, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um desto mehr Menschen zu gewinnen (1. Korinther 9,19). Das ist eine Haltung der Demut und der Liebe.

Der Apostel Paulus kämpfte für die Wahrheit des Evangeliums, aber er war nicht starr in Fragen, die das Evangelium nicht betrafen. Er war den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, allen wurde er alles, um auf alle Weise einige zu retten (1. Korinther 9,20–22).

– Wenn ich mit Juden zu tun hatte, lebte ich wie ein Jude, um sie für Christus zu gewinnen. Unter ihnen, die von der Befolgung des Gesetzes das Heil erwarten, lebte auch ich nach den Vorschriften des Gesetzes, obwohl ich selbst das Heil nicht mehr vom Gesetz erwarte – und das nur, um sie für Christus zu gewinnen. Wenn ich dagegen mit Menschen zu tun hatte, die nichts vom Gesetz wissen, lebte auch ich nicht nach dem Gesetz, obwohl ich doch vor Gott nicht gesetzlos lebe; ich stehe ja unter dem Gesetz, das Christus gegeben hat – und auch das tat ich, um sie für Christus zu gewinnen. Und wenn ich mit Menschen zu tun hatte, deren Glaube noch schwach war, wurde ich wie sie und machte von meiner Freiheit keinen Gebrauch – nur um sie für Christus zu gewinnen. Ich stellte mich allen gleich, um überall wenigstens einige zu retten.

Diese paulinische Weisheit fehlt uns heute oft. Wir sind so sehr auf unsere Positionen fixiert, auf unsere theologischen Überzeugungen, auf unsere Traditionen, dass wir vergessen, worum es eigentlich geht: um das Evangelium von Jesus Christus, um die Rettung verlorener Menschen, um die Ehre Gottes. Wir bauen Mauern, wo Brücken sein sollten. Wir schaffen Gräben, wo Gemeinschaft sein sollte. Wir etikettieren, kategorisieren, sortieren, und am Ende haben wir eine zersplitterte, zerstrittene Christenheit, die der Welt kein glaubwürdiges Zeugnis mehr geben kann.

Jesus hat gebetet: – Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast (Johannes 17,20–21). Die Einheit der Gemeinde ist ein Zeugnis für die Welt. Wenn wir zerstritten sind, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen, dann wird die Welt nicht glauben, dass der Vater den Sohn gesandt hat.

Was also ist zu tun? Zunächst müssen wir unsere eigenen Herzen prüfen. Haben wir die Haltung Christi? Sind wir demütig, sanftmütig, geduldig? Oder sind wir rechthaberisch, hochmütig, schnell im Urteilen? Paulus schreibt: – Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid; stellt euch selbst auf die Probe! (2. Korinther 13,5). Bevor wir andere beurteilen, sollten wir uns selbst prüfen. Bevor wir den Splitter im Auge unseres Bruders suchen, sollten wir den Balken in unserem eigenen Auge entfernen (Matthäus 7,3–5). Das ist eine unbequeme, aber heilsame und notwendige Übung.

Zweitens müssen wir lernen, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. Es gibt ein Fundament, das nicht verhandelbar ist:

Aber es gibt auch viele Fragen, in denen Christen unterschiedlicher Meinung sein können, ohne dass die Gemeinschaft zerbrechen muss. Der alte Grundsatz gilt: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas – Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe.

Drittens müssen wir die Liebe üben. Die Liebe ist das größte Gebot (Matthäus 22,37–40). Sie ist das Band der Vollkommenheit (Kolosser 3,14). Ohne Liebe ist alle Erkenntnis nichts, alle Glaubenskraft nichts, alle Opferbereitschaft nichts (1. Korinther 13,1–3). – Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig, sie beneidet nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich an der Wahrheit (1. Korinther 13,4–6). Wenn wir diese Liebe leben würden, dann würden viele unserer Streitigkeiten sich auflösen. Dann würden wir einander anders begegnen, mit Respekt, mit Verständnis, mit dem aufrichtigen Wunsch, einander zu verstehen und gemeinsam zu wachsen.

Viertens müssen wir uns auf das konzentrieren, was uns verbindet, nicht auf das, was uns trennt. Der Apostel Paulus schreibt: – Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, über allen und durch alle und in euch allen (Epheser 4,4–6). Das ist unser gemeinsames Fundament. Wir haben alle denselben Herrn, denselben Glauben, dieselbe Taufe. Wir gehören alle zu demselben Leib. Wir haben alle dieselbe Hoffnung. Das sind keine leeren Worte, sondern tiefe geistliche Wirklichkeiten. Wenn wir uns dessen bewusst wären, wenn wir danach leben würden, dann würden unsere Unterschiede an Bedeutung verlieren.

Und schließlich müssen wir beten. Beten für die Einheit der Gemeinde. Beten für unsere Geschwister, auch für die, die anders denken als wir. Beten um Demut, um Weisheit, um Liebe. Jesus hat für unsere Einheit gebetet, sollten wir es nicht auch tun? Das Gebet verändert uns. Es macht uns kleiner und Christus größer. Es öffnet unsere Herzen für einander. Es erinnert uns daran, dass wir alle Bettler sind vor Gott, dass wir alle von Seiner Gnade leben.

Die Heilige Schrift kennt also keine theologischen Lager im modernen Sinne. Sie kennt die Unterscheidung zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen dem Weg des Lebens und dem Weg des Todes. Aber sie kennt keine Einteilung der Gläubigen in Parteien und Gruppen, die sich gegenseitig ausgrenzen und bekämpfen.

Im Gegenteil, sie ruft uns auf zur Einheit, zur Liebe, zur Demut, zur Geduld. Sie ruft uns auf, einander zu ertragen in Liebe, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens. Das ist die biblische Vision für die Gemeinde Christi. Eine Gemeinde, die in der Wahrheit steht und in der Liebe lebt. Eine Gemeinde, die Christus in die Mitte stellt und nicht sich selbst. Eine Gemeinde, die der Welt zeigt, dass Versöhnung möglich ist, dass Menschen, die verschieden sind, in Christus eins werden können. Das ist unser Auftrag, das ist unsere Berufung. Möge Gott uns helfen, dieser Berufung würdig zu wandeln, zur Ehre Seines heiligen Namens. Amen.