In der Nacht Seiner Auslieferung setzte Christus das heilige Abendmahl ein. Brot und Kelch wurden zum ewigen Zeichen Seiner Liebe, Seines Opfers und Seiner bleibenden Gegenwart bei den Seinen.
Das Sakrament des Altars
Es gibt Augenblicke in der Geschichte, die die Ewigkeit berühren. Momente, in denen das Zeitliche und das Ewige sich durchdringen, in denen Himmel und Erde sich begegnen. Ein solcher Augenblick war jene Nacht, von der der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther berichtet:
– Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, als er verraten wurde, nahm das Brot, dankte, brach es und sprach: Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; dies tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, indem er sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, so oft ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtnis! (1. Korinther 11,23–25).
Diese Worte sind nicht bloß eine historische Aufzeichnung. Sie sind das Herzstück unseres Glaubens, die Mitte unserer Gottesdienstfeier, das heilige Vermächtnis unseres Herrn Jesus Christus. In dieser Nacht, da die Finsternis scheinbar siegte, da der Verrat sich vollzog und die Stunde der Leiden nahte, setzte unser Herr das heiligste Sakrament ein, durch das Er bis heute bei Seiner Gemeinde bleibt.
Die Nacht des Verrats war eine Nacht voller Schatten und Schwere. Judas, einer der Zwölf, hatte bereits sein Herz dem Bösen geöffnet. Satan war in ihn gefahren, wie es in Johannes 13,27 heißt: – Als Judas das Brotstück genommen hatte, fuhr der Satan in ihn und nahm ihn in Besitz. Jesus sagte zu ihm: „Beeile dich und tue, was du tun willst! Die Stunde der Finsternis brach an, jene Stunde, von der Jesus selbst sagte: – Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis (Lukas 22,53).
Und doch, gerade in dieser Stunde, als der Feind seine Netze auswarf und die Welt sich gegen ihren Schöpfer erhob, gerade da erwies Jesus Seine größte Liebe. Er hätte fliehen können, Er hätte Seine göttliche Macht gebrauchen können, um dem Leiden zu entgehen. Aber Er blieb. Er nahm das Brot und den Kelch. Er dankte. Er brach das Brot und gab es Seinen Jüngern. In dieser einfachen, stillen Handlung offenbarte sich die ganze Tiefe der göttlichen Liebe und Weisheit.
Das Brot, das Jesus nahm, war das gewöhnliche Brot des Passahmahls. Die Juden feierten in jener Nacht das Gedächtnis ihrer Befreiung aus Ägypten, jenes große Erlösungswerk, durch das Gott Sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führte.
Doch Jesus gab diesem Brot eine ganz neue, tiefere Bedeutung. Er sprach: – Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird. Mit diesen Worten verwandelte Er das alte Passa in ein neues, ewiges Gedächtnismahl. Das Lamm, das in Ägypten geschlachtet wurde, war nur ein Schatten des wahren Lammes Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Johannes 1,29). Jesus selbst ist dieses Lamm. Sein Leib wurde am Kreuz gebrochen, zerschlagen für unsere Übertretungen, wie es der Prophet Jesaja vorhergesagt hatte: – Er wurde durchbohrt um unserer Übertretung willen, zerschlagen wegen unserer Missetat; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt (Jesaja 53,5).
Wenn wir also das Brot im Abendmahl empfangen, dann empfangen wir nicht nur ein Symbol, sondern den wahren Leib Christi, der für uns dahingegeben wurde. Luther hat dies klar und unmissverständlich gelehrt, im Gegensatz zu jenen, die das Abendmahl nur als ein bloßes Erinnerungsmahl verstehen wollten. Die Worte Jesu sind eindeutig: – Das ist mein Leib. Nicht: – Das bedeutet meinen Leib – oder – Das erinnert an meinen Leib – , sondern: – Das ist mein Leib. Hier geschieht ein Geheimnis, das unser Verstand nicht erfassen, das aber unser Glaube annehmen soll. Im, mit und unter dem Brot empfangen wir den wahren Leib Christi zur Vergebung unserer Sünden.
Das ist die große, tröstliche Wahrheit des Abendmahls: Christus schenkt sich selbst uns zur Speise, Er vereinigt sich mit uns auf die innigste Weise, Er macht uns zu Gliedern Seines Leibes.
– Ebenso nahm Jesus den Kelch nach dem Mahl. Auch hier handelt es sich um den Kelch des Passahmahls, jenen dritten Kelch, den man den Kelch des Segens nannte. Doch Jesus füllte auch diesen Kelch mit neuer, heiliger Bedeutung. Er sprach: – Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Hier offenbart sich die ganze Fülle des Evangeliums. Der neue Bund, von dem die Propheten geweissagt hatten, wurde nun in Kraft gesetzt. Jeremia hatte verkündigt: – Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde; nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss an dem Tag, da ich sie bei der Hand ergriff, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war, spricht der Herr. Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes hineinlegen und es auf ihre Herzen schreiben, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein (Jeremia 31,31–33).
Dieser neue Bund wurde nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern besiegelt, sondern durch das kostbare Blut Christi selbst.
Der Hebräerbrief macht dies überaus deutlich: – Aber Christus ist als Hoher Priester der wirklichen Heilsgüter gekommen. Er hat das größere und vollkommenere Zelt durchschritten, das nicht von Menschen gemacht wurde – also nicht von dieser Schöpfung ist –, und hat das eigentliche Heiligtum ein für alle Mal betreten. Er kam auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut, und hat uns eine Erlösung gebracht, die für immer gilt (Hebräer 9,11–12).
Das Blut Christi ist das Blut des ewigen Bundes. – Wie viel mehr bewirkt dann das Blut von Christus, dem Messias. Denn er hat sich selbst Gott als makelloses Opfer dargebracht. ‹Gottes› ewiger Geist hat ihn dazu geführt. Und deshalb reinigt sein Blut unser Gewissen von toten ‹nutzlosen› Werken, damit wir jetzt imstande sind, dem lebendigen Gott zu dienen (Hebräer 9,14).
Es spricht besser als das Blut Abels, wie es in Hebräer 12,24 heißt. – Ihr seid zu Jesus gekommen, dem Vermittler eines neuen Bundes, und zu dem Reinigungsblut, das viel besser redet als das Blut Abels. Während Abels Blut nach Rache schrie, schreit das Blut Jesu nach Vergebung und Versöhnung.
Wenn wir also aus dem Kelch trinken im Abendmahl, dann trinken wir das Blut des neuen Bundes. Wir empfangen die Vergebung unserer Sünden nicht nur in Worten, sondern in der leibhaftigen Gabe des Blutes Christi. Dieses Blut wurde vergossen am Kreuz von Golgatha, es floss aus Seinen Wunden, als der römische Soldat Seine Seite durchbohrte (Johannes 19,34). Es ist das Blut, das uns von aller Sünde reinigt, wie der Apostel Johannes schreibt: – Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde (1. Johannes 1,7). Im Abendmahl wird uns dieses reinigende, erlösende, heiligende Blut Christi geschenkt.
Es ist keine bildliche Rede, sondern göttliche Wirklichkeit. Christus selbst ist gegenwärtig in diesem heiligen Mahl, nicht als ferner Gedanke, sondern als lebendige Person, die sich uns hingibt.
Der Herr Jesus fügte hinzu: – Solches tut zu meinem Gedächtnis. Diese Worte sind von größter Bedeutung. Das Abendmahl ist nicht nur ein einmaliges Ereignis jener Nacht, sondern es soll fortgesetzt werden bis zu Seiner Wiederkunft. Es ist das bleibende Gedächtnis Seines Opfers, die immerwährende Verkündigung Seines Todes. Paulus schreibt: – Denn so oft ihr dieses Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt (1. Korinther 11,26).
Das Gedächtnis, von dem hier die Rede ist, ist mehr als bloße Erinnerung. Im biblischen Verständnis bedeutet Gedächtnis eine Vergegenwärtigung. Wenn Israel das Passahfest feierte, dann erinnerten sie sich nicht nur an die Befreiung aus Ägypten, sondern sie erfuhren diese Befreiung gleichsam neu, sie wurden hineingenommen in das große Erlösungswerk Gottes. So ist es auch mit dem Abendmahl.
Wenn wir es feiern, dann wird uns das Opfer Christi nicht als fernes historisches Ereignis vor Augen gestellt, sondern es wird uns zugeeignet, als wäre es heute geschehen, als würde Christus heute für uns sterben und auferstehen.
Die heilige apostolische Kirche hat dies von Anfang an verstanden und gelebt. Die ersten Christen kamen zusammen, um das Brot zu brechen, wie es in Apostelgeschichte 2,42 heißt: – Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten. Das Brotbrechen war der Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft, der Höhepunkt ihres Gottesdienstes. Hier trafen sie den auferstandenen Herrn, wie die Jünger Ihn auf dem Weg nach Emmaus erkannten am Brechen des Brotes (Lukas 24,35). Hier wurden sie gestärkt für den Weg des Glaubens, hier empfingen sie Vergebung und neue Kraft, hier wurde die Einheit der Gemeinde sichtbar und erfahrbar.
Der Heilige Paulus schreibt: – Ein Brot ist es. So sind wir, die vielen, ein Leib; denn wir alle haben Anteil an dem einen Brot (1. Korinther 10,17). Das Abendmahl schafft und erhält die Gemeinschaft der Gläubigen. Es verbindet uns nicht nur mit Christus, sondern auch untereinander.
Doch dieses heilige Mahl verlangt auch nach rechter Vorbereitung, wie wir bereits gesehen haben. (Verweis: Gnadenmahl und Bußruf: Jesu Tischgemeinschaft als ernster Ruf zur Umkehr!)
Es ist kein gewöhnliches Essen und Trinken, sondern eine heilige Handlung. Luther hat in seiner Abendmahlslehre immer wieder betont, dass das Abendmahl für den Glauben da ist. Wer nicht glaubt, dass in, mit und unter Brot und Wein der wahre Leib und das wahre Blut Christi gegenwärtig sind, der kann dieses Sakrament nicht empfangen. Wer nicht glaubt, dass ihm hier die Vergebung der Sünden geschenkt wird, der geht leer aus. Der Glaube ist die Hand, die das Geschenk Gottes ergreift. Ohne Glauben bleibt das Sakrament wirkungslos, ja, es wird zum Gericht, wie Paulus warnt.
Zugleich sollen wir aber auch wissen, dass unser Glaube schwach und unvollkommen sein darf. Christus lädt nicht die Starken ein, sondern die Schwachen, nicht die Vollkommenen, sondern die Bedürftigen. Wer seufzt unter seiner Sünde, wer sich sehnt nach Vergebung und Erneuerung, wer nach Christus hungert und dürstet, der ist der rechte Gast an diesem Tisch. Das Abendmahl ist Arznei für kranke Seelen, Stärkung für müde Pilger, Trost für angefochtene Herzen. Es ist das Evangelium in sichtbarer, greifbarer Gestalt. Hier können wir nicht nur hören, dass Christus für uns gestorben ist, sondern wir können es schmecken, fühlen, leibhaft erfahren. Hier gibt Er sich uns ganz und gar hin, ohne Vorbehalt, ohne Bedingung.
Die Worte der Einsetzung erinnern uns auch daran, in welcher Situation Jesus dieses Sakrament einsetzte. Es war die Nacht des Verrats. Judas saß mit am Tisch, als Jesus das Brot brach. Jesus wusste, dass einer Seiner engsten Jünger Ihn ausliefern würde, und dennoch brach Er das Brot und gab es allen. Er wusste, dass Petrus Ihn verleugnen würde, dass die Jünger Ihn alle verlassen würden, und dennoch gab Er ihnen den Kelch. Diese unbegreifliche Liebe zeigt uns, dass das Abendmahl nicht für die Treuen und Starken allein da ist, sondern gerade für die Schwachen, Angefochtenen, Gefährdeten.
Christus weiß um unsere Untreue, um unser Versagen, um unsere Schwachheit, und doch lädt Er uns ein. Gerade deshalb lädt Er uns ein. Er will uns halten, stärken, bewahren durch dieses heilige Mahl.
Die apostolische Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder um das rechte Verständnis des Abendmahls gerungen. Es gab und gibt verschiedene Auffassungen darüber, was genau in diesem Sakrament geschieht. Doch die Worte Jesu bleiben klar und eindeutig: – Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Wir tun gut daran, bei diesen Worten zu bleiben und nicht über sie hinauszugehen.
Luther hat in seinen Abendmahlsschriften immer wieder darauf hingewiesen, dass wir das Geheimnis nicht ergründen, sondern anbeten sollen. Wir können nicht erklären, wie Christus in, mit und unter Brot und Wein gegenwärtig ist, aber wir können es glauben und empfangen. Gott hat viele Geheimnisse, die unseren Verstand übersteigen. Die Menschwerdung Christi ist ein Geheimnis, die Dreieinigkeit ist ein Geheimnis, die Auferstehung der Toten ist ein Geheimnis, und so ist auch die Realpräsenz Christi im Abendmahl ein Geheimnis. Aber diese Geheimnisse sind uns zum Heil gegeben, nicht zum Grübeln, sondern zum Glauben und zum Empfangen.
Wenn wir heute zum Abendmahl gehen, dann treten wir in die Fußstapfen jener Jünger, die in der Nacht des Verrats mit Jesus am Tisch saßen. Wir werden hineingenommen in jenes heilige Geschehen, das vor fast zweitausend Jahren begann und doch niemals aufhört. Wir empfangen denselben Leib, der am Kreuz für uns dahingegeben wurde, dasselbe Blut, das für uns vergossen wurde. Wir hören dieselben Worte: – Für euch gegeben, für euch vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind nicht allgemein, sondern persönlich. Sie gelten jedem einzelnen. Christus gibt sich mir, dir, jedem, der im Glauben kommt. Er macht keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Sündern, zwischen starken und schwachen Glaubenden. Er gibt sich allen gleichermaßen hin.
Das Abendmahl ist auch ein Vorgeschmack des himmlischen Hochzeitsmahls. Jesus selbst hat gesagt: – Ich sage euch: Ich werde von jetzt an von diesem Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken bis zu jenem Tag, da ich es neu mit euch trinken werde im Reich meines Vaters (Matthäus 26,29). Das Abendmahl weist über sich selbst hinaus auf die kommende Herrlichkeit. Es ist eine Brücke zwischen dem Jetzt und dem Dann, zwischen der Zeit und der Ewigkeit. Wenn wir hier auf Erden das Brot brechen, dann sind wir schon im Geist beim himmlischen Mahl, wo wir mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische liegen werden (Matthäus 8,11).
Das Abendmahl ist Pilgerspeise auf dem Weg zur ewigen Heimat, ein Zeichen der Hoffnung inmitten einer vergehenden Welt, ein Angeld auf die kommende Erlösung.
Darum lasst uns dieses heilige Sakrament hochachten und häufig empfangen, so oft es uns dargeboten wird. Lasst uns nicht leichtfertig damit umgehen, aber auch nicht ängstlich fernbleiben. Christus lädt uns ein, und wer Seiner Einladung folgt, der wird nicht zuschanden werden. Er hat versprochen: – Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen (Johannes 6,37). Diese Zusage gilt auch und gerade im Abendmahl. Hier ist Christus selbst der Gastgeber, und Er gibt uns das Beste, was Er hat: sich selbst. Sein Leib ist wahre Speise, Sein Blut ist wahrer Trank (Johannes 6,55). Wer davon isst und trinkt, der hat das ewige Leben und wird auferweckt am Jüngsten Tag (Johannes 6,54).
So lasst uns denn mit Ehrfurcht und Freude zu diesem heiligen Tisch treten. Lasst uns unsere Sünden bekennen und um Vergebung bitten. Lasst uns glauben an die Worte Christi, die da lauten: – Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Lasst uns empfangen mit offenen Händen und offenem Herzen. Und lasst uns danken für die unsagbare Gabe, die uns hier geschenkt wird.
Christus hat uns nicht verlassen in der Nacht des Verrats, Er verlässt uns nicht in den Nächten unseres Lebens, wenn Anfechtung und Zweifel uns bedrängen. Er bleibt bei uns durch Sein Wort und Sakrament. Er stärkt uns, tröstet uns, erneuert uns. Er macht uns zu Seinen Brüdern und Schwestern, zu Gliedern Seines Leibes, zu Erben des ewigen Lebens. Ihm sei Ehre und Preis und Dank von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.