Wer behauptet, Gott nahe zu sein, aber in Sünde lebt, betrügt sich selbst. Johannes zeigt schonungslos: Wahre Gemeinschaft mit Gott zeigt sich im Wandel im Licht, nicht in frommen Worten.

1.Johannes 1,6: – Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.

Mit diesen ernsten Worten zieht der Apostel Johannes die unausweichliche Folgerung aus dem, was er zuvor verkündigt hat. Nachdem er bezeugt hat, dass Gott Licht ist und in ihm gar keine Finsternis ist, muss er nun darlegen, was dies für unser Leben bedeutet. Die Wahrheit über Gottes Wesen ist nicht eine theoretische Erkenntnis, die wir im Kopf bewahren können, während unser Leben unverändert bleibt. Nein, diese Wahrheit fordert uns heraus, durchdringt uns, verwandelt uns. Sie duldet keine Zweideutigkeit, keine Doppelbödigkeit, keine fromme Heuchelei. – Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Diese Aussage ist von erschreckender Klarheit und schneidet durch alle religiösen Selbsttäuschungen hindurch wie ein scharfes Schwert.

Johannes spricht hier von Menschen, die sagen, dass sie Gemeinschaft mit Gott haben. Sie bekennen es mit ihrem Munde, sie behaupten es vor anderen, vielleicht glauben sie es selbst von ganzem Herzen. Sie gehen zur Gemeinde, sie sprechen Gebete, sie nehmen an den Gottesdiensten teil, sie reden von ihrer Beziehung zu Gott. Sie sind überzeugt, auf dem rechten Weg zu sein, sie fühlen sich sicher in ihrer religiösen Identität.

Doch der Apostel schaut nicht auf das Bekenntnis allein, sondern auf den Wandel, auf das tatsächliche Leben, auf die Werke, die dem Glauben folgen müssen. Und wenn das Bekenntnis und der Wandel nicht übereinstimmen, wenn die Worte sagen: „Ich habe Gemeinschaft mit Gott“, aber das Leben zeigt: „Ich wandle in der Finsternis“, dann ist das Bekenntnis eine Lüge.

Das Wort „lügen“ ist hart und kompromisslos. Johannes verwendet nicht etwa ein milderes Wort wie „irren“ oder „sich täuschen“. Er sagt nicht: „So sind wir ein wenig inkonsequent“ oder „So verstehen wir Gott nicht ganz richtig“. Nein, er sagt: – So lügen wir. Eine Lüge ist eine bewusste Verfälschung der Wahrheit, eine vorsätzliche Täuschung, eine Verdrehung dessen, was wirklich ist. Wer behauptet, Gemeinschaft mit Gott zu haben, während er in der Finsternis wandelt, der lügt.

Er lügt vor anderen, denen er sein frommes Gesicht zeigt. Er lügt vor sich selbst, indem er sich etwas vormacht. Und er versucht, vor Gott zu lügen, der doch alles sieht und alle Herzen kennt.

– Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen (Hebräer 4,12-13).

Was aber bedeutet es, in der Finsternis zu wandeln? Der Begriff „wandeln“ beschreibt nicht eine einzelne Tat, nicht einen einmaligen Fehltritt, sondern die grundsätzliche Ausrichtung des Lebens, die gewohnheitsmäßige Verhaltensweise, den beständigen Weg, den ein Mensch geht. Wandeln ist mehr als stolpern, mehr als straucheln, mehr als fallen. Wandeln bedeutet, sich bewusst auf einem bestimmten Pfad zu bewegen, ihn als den eigenen Weg zu wählen, auf ihm zu bleiben. Wer in der Finsternis wandelt, der hat sich für die Finsternis entschieden, der lebt beständig im Bereich der Sünde, der richtet sein Leben nach den Maßstäben dieser gottlosen Welt aus.

Paulus beschreibt diesen Zustand: – Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams (Epheser 2,1-2).

Paulus macht deutlich, dass das Wandeln in der Finsternis einen dreifachen Zusammenhang hat: geistliche Todesferne, weltförmige Lebensweise und dämonische Einflussnahme. „Tot durch Übertretungen und Sünden“ bedeutet nicht, dass der Mensch keine Regungen mehr hätte, sondern dass er für Gott unansprechbar ist; ohne geistliches Leben, ohne Empfänglichkeit für Gottes Stimme. Dieser Zustand zeigt sich darin, dass der Mensch „nach der Art dieser Welt“ lebt, also nach den Maßstäben, Werten und Gewohnheiten einer Welt, die Gott nicht kennt und nicht sucht. Paulus geht noch weiter: Hinter dieser Weltordnung steht ein geistlicher Machtbereich – „der Mächtige, der in der Luft herrscht“, der Satan, dessen Geist in den „Kindern des Ungehorsams“ wirksam ist.

Damit beschreibt Paulus eine erschütternde Realität: Der Mensch in der Finsternis ist nicht autonom, sondern wird von Kräften geprägt, die ihn von Gott wegführen. Sein Wandeln ist Ausdruck einer inneren Gefangenschaft. Erst Gottes Eingreifen, seine lebendig machende Gnade, kann diesen Zustand durchbrechen und den Menschen aus der Finsternis ins Licht führen.

In der Finsternis wandeln heißt, der Sünde Raum zu geben, sie zu pflegen, sie zu rechtfertigen. Es heißt, bewusst gegen Gottes Gebote zu leben und dabei die Gemeinschaft mit ihm zu behaupten. Es ist die Haltung dessen, der sagt: „Ich bin ein Christ, aber in dieser Sache will ich nicht gehorchen. Ich glaube an Gott, aber hier mache ich eine Ausnahme. Ich liebe den Herrn, aber dieses eine Stück meines Lebens behalte ich für mich.“

Diese Haltung kann sich in vielfältiger Weise zeigen. Der eine hält an seiner Habsucht fest und dient dem Mammon, während er sonntags die Lieder vom Himmelreich singt. Der andere pflegt seinen Hass und seine Rachsucht, während er von Gottes Liebe spricht. Wieder ein anderer lebt in sexueller Unreinheit und rechtfertigt seine Begierden mit modernen Argumenten, während er sich Christ nennt. Ein weiterer schwelgt in Neid und Verleumdung, zerreißt seinen Nächsten mit bösen Reden, und meint doch, ein frommer Mensch zu sein.

Jesus selbst hat diese Heuchelei scharf verurteilt. Er sagte zu den Pharisäern: – Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir (Matthäus 15,8). Die Pharisäer waren religiöse Menschen, sie kannten die Heilige Schrift, sie hielten äußerlich die Gebote, sie fasteten und beteten öffentlich. Aber ihr Herz war nicht bei Gott, ihr Leben war nicht von seiner Liebe durchdrungen, ihr Wandel entsprach nicht ihrem Bekenntnis. Jesus nennt sie „übertünchte Gräber“: – Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! (Matthäus 23,27). Das ist eine vernichtende Beschreibung religiöser Heuchelei: äußerlich fromm, innerlich verfault; nach außen hell, im Kern finster.

Johannes sagt nicht nur, dass solche Menschen lügen, sondern fügt hinzu: – und tun nicht die Wahrheit. Diese Formulierung ist bemerkenswert. Gewöhnlich denken wir, dass man die Wahrheit sagt oder spricht. Aber Johannes sagt, man muss die Wahrheit tun. Wahrheit ist also nicht nur eine Sache des Bekennens, sondern des Handelns, nicht nur eine Angelegenheit der Worte, sondern des Lebens. Die Wahrheit tun bedeutet, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Gottes zu leben, sein Leben nach seinen Maßstäben auszurichten, das zu praktizieren, was man glaubt. Jesus sagt: – Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8,31-32). Die Wahrheit kennen und die Wahrheit tun gehören untrennbar zusammen.

Der Gegensatz zwischen Sagen und Tun durchzieht die gesamte Heilige Schrift. Bereits im Alten Testament warnt Gott durch den Propheten Jesaja: – Und der Herr sprach: Weil dies Volk mir naht mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz fern von mir ist und sie mich fürchten nur nach Menschengeboten, die man sie lehrt (Jesaja 29,13). Die äußere Religiosität ohne innere Wahrhaftigkeit ist Gott ein Gräuel. Er will keine Lippenbekenntnisse, sondern Herzensgehorsam, keine frommen Floskeln, sondern echte Hingabe. Jesus warnt: – Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel (Matthäus 7,21). Es genügt nicht, Jesus „Herr“ zu nennen; man muss ihm auch als Herrn gehorchen. Es reicht nicht, von Gemeinschaft mit Gott zu reden; man muss auch im Licht wandeln.

Jakobus, der Bruder des Herrn, entfaltet diesen Gedanken ausführlich in seinem Brief. Er schreibt:Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst. Denn wenn jemand ein Hörer des Worts ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschaut; denn nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergisst von Stund an, wie er aussah. Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat (Jakobus 1,22-25). Das Wort Gottes ist ein Spiegel, der uns zeigt, wie wir wirklich sind. Aber es genügt nicht, in den Spiegel zu schauen und dann unverändert weiterzugehen. Wir müssen das, was wir sehen, auch zum Anlass nehmen, uns zu ändern, uns reinigen zu lassen, uns zu bekehren.

Die Gefahr der Selbsttäuschung ist groß, besonders in religiösen Dingen. Der Mensch hat eine erstaunliche Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen, sein Gewissen zu beruhigen, seine Sünden zu rechtfertigen. Er kann sich einreden, dass seine Lage nicht so schlimm sei, dass Gott nicht so genau nehme, dass er doch insgesamt ein guter Mensch sei. Jeremia bezeugt: – Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen? (Jeremia 17,9). Unser eigenes Herz betrügt uns, redet uns ein, dass alles in Ordnung sei, während wir in Wahrheit in der Finsternis wandeln. Darum brauchen wir das Wort Gottes, das uns die Augen öffnet, das uns zeigt, wo wir wirklich stehen, das uns nicht schmeichelt, sondern die Wahrheit sagt.

Die Ermahnung des Johannes richtet sich nicht nur an offensichtliche Heuchler, sondern an alle, die meinen, Gemeinschaft mit Gott zu haben. Auch wir, die wir getauft sind, die wir zum Gottesdienst gehen, die wir in der Bibel lesen, sind in Gefahr, in diese Selbsttäuschung zu fallen. Wir können uns an unsere religiösen Praktiken gewöhnen, ohne dass unser Herz wirklich bei Gott ist. Wir können fromme Lieder singen, ohne dass unser Leben von Gottes Liebe geprägt ist. Wir können theologisch richtig reden, ohne dass die Wahrheit unser Handeln bestimmt.

Martin Luther hat diese Gefahr gesehen und darum die Christen immer wieder ermahnt, nicht auf ihre äußeren Werke zu vertrauen, sondern sich täglich neu von Gottes Wort prüfen zu lassen und in echter Buße zu leben.

Was heißt es nun konkret, nicht in der Finsternis zu wandeln? Es heißt zunächst, die Sünde beim Namen zu nennen und sie nicht zu beschönigen. Wir leben in einer Zeit, in der die Sünde vielfach umgedeutet wird, in der man von „Schwächen“ spricht statt von Schuld, von „Verfehlungen“ statt von Übertretung, von „menschlichen Fehlern“ statt von Rebellion gegen Gott. Doch Gott nennt die Dinge beim Namen. Was Er Sünde nennt, das ist Sünde, und wir haben nicht das Recht, es anders zu benennen.

Paulus zählt auf: – Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben (1. Korinther 6,9-10). Diese Aufzählung ist nicht erschöpfend, aber sie zeigt deutlich: Es gibt Verhaltensweisen, die mit der Gemeinschaft mit Gott unvereinbar sind.

Nun gibt es heute viele Christen, die meinen, man dürfe niemandem „zu nahe treten“. Sünde beim Namen zu nennen gilt als Tabubruch. Wer es dennoch tut, wird schnell mit dem Hinweis auf die Nächstenliebe abgemahnt – als wäre Liebe gleichbedeutend mit Schweigen. Doch wahre Liebe verschweigt nicht, was den Menschen von Gott trennt. Sie redet nicht weich, was Gott hart nennt. Sie nennt Schuld Schuld, weil sie den Sünder nicht verloren geben will. Christus hat nie aus Angst vor menschlicher Empfindlichkeit die Wahrheit zurückgehalten. Und wer Ihm nachfolgt, kann nicht anders, als Licht ins Dunkel zu bringen; auch wenn dieses Licht zunächst schmerzt.

Es bedeutet auch und vor allem, die Sünde zu lassen und im Gehorsam gegen Gottes Gebote zu leben. Johannes schreibt später in seinem Brief: – Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht (1. Johannes 2,3-4). Die Gebote Gottes sind nicht Vorschläge oder Empfehlungen, sondern verbindliche Weisungen für unser Leben. Sie zeigen uns, wie wir als Kinder Gottes leben sollen, wie wir im Licht wandeln können, wie wir in Gemeinschaft mit ihm bleiben. Der Gehorsam gegen Gottes Gebote ist nicht eine Leistung, durch die wir uns die Gemeinschaft mit Gott verdienen; er ist vielmehr die Frucht der Gemeinschaft, die Gott uns geschenkt hat, das Zeichen, dass wir wahrhaftig zu ihm gehören.

Und ein drittes ist gleich wichtig, beständig im Licht zu bleiben und nicht zwischen Licht und Finsternis hin und her zu wanken. Jesus sagt es ganz klar: – Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Matthäus 6,24). Es gibt keine Möglichkeit, gleichzeitig in der Gemeinschaft mit Gott zu leben und in der Finsternis zu wandeln, gleichzeitig Christus nachzufolgen und der Welt zu gefallen, gleichzeitig im Licht zu sein und die Werke der Finsternis zu tun. Wir müssen uns entscheiden, und diese Entscheidung muss sich in unserem ganzen Leben zeigen.

Doch wie können wir erkennen, ob wir wirklich im Licht wandeln oder uns nur selbst betrügen? Die Heilige Schrift gibt uns klare Prüfsteine. Der erste ist die Liebe zu den Brüdern. Johannes wird später schreiben: – Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis (1. Johannes 2,9). Die Gemeinschaft mit Gott zeigt sich in der Liebe zu den Geschwistern, im praktischen Dienst am Nächsten, in der Bereitschaft zu vergeben und zu tragen. Wo keine Liebe ist, da ist auch keine wahre Gemeinschaft mit Gott, denn – Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1. Johannes 4,16).

Der zweite Prüfstein ist die Abkehr von der Welt. Johannes ermahnt: – Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt (1. Johannes 2,15-16). Die Welt meint hier nicht die Schöpfung Gottes, die er für gut befunden hat, sondern das System der Gottlosigkeit, die Gesinnung und Lebensweise derer, die ohne Gott leben wollen. Wer Gemeinschaft mit Gott hat, der kann nicht gleichzeitig die gottlose Welt lieben, kann nicht ihren Maßstäben folgen, kann nicht ihre Ziele verfolgen.

Der dritte Prüfstein ist das Festhalten am Wort Gottes. Jesus sagt: – Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger (Johannes 8,31). Wer wirklich im Licht wandelt, der hält sich an Gottes Wort, der richtet sein Leben danach aus, der lässt sich von ihm korrigieren und leiten. Wo das Wort Gottes vernachlässigt wird, wo man sich seine eigenen Gedanken über Gott macht, wo man die Schrift verdreht, um seinen Lebenswandel zu rechtfertigen, da ist keine echte Gemeinschaft mit Gott.

Diese Wahrheit sehen wir heute deutlich in der Kirche und bei vielen Christen. Gerade hier zeigt sich, wer wirklich Gemeinschaft mit Gott hat und wer nicht. Denn das Festhalten am Wort trennt Licht von Finsternis. Wo Menschen das Wort Gottes relativieren, wo man Bibelstellen umdeutet, um den eigenen Lebensstil zu rechtfertigen, wo man lieber menschliche Meinungen zitiert als die Heilige Schrift selbst, da wird offenbar, dass die Gemeinschaft mit Gott nur behauptet, aber nicht gelebt wird. Ein Christ ist nicht derjenige, der sich selbst so nennt, sondern derjenige, der im Wort bleibt, es liebt, es bewahrt und sich von ihm formen lässt. Daran erkennt man, wer ein Jünger Jesu ist – und wer nur den Namen trägt, ohne die Wirklichkeit dahinter.

Die Warnung des Johannes ist ernst, aber sie ist nicht hoffnungslos. Er zeigt uns nicht nur die Gefahr der Selbsttäuschung, sondern auch den Weg zur Wahrheit. Im nächsten Vers schreibt er: – Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde (1. Johannes 1,7). Der Weg zur echten Gemeinschaft mit Gott führt nicht über unsere Vollkommenheit, sondern über die Reinigung durch das Blut Christi. Wir können nicht aus eigener Kraft im Licht wandeln, aber Christus hat uns den Weg geöffnet. Er ist für unsere Sünden gestorben, er hat uns mit Gott versöhnt, er schenkt uns durch seinen Geist die Kraft, in der Wahrheit zu leben.

Es geht nicht darum, die eigene Sünde zu verleugnen oder sich selbst einzureden, man sei frei davon. Im Gegenteil, die wahre Gemeinschaft mit Gott beginnt damit, dass wir unsere Sünde erkennen und bekennen. – Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit (1. Johannes 1,9). Das Bekenntnis der Sünde ist der Anfang des Wandels im Licht. Wo wir aufhören zu lügen, wo wir aufhören, uns etwas vorzumachen, wo wir ehrlich vor Gott werden und unsere Schuld eingestehen, da empfangen wir Vergebung, da werden wir gereinigt, da beginnt die echte Gemeinschaft mit ihm.

Die Ermahnung des Johannes gilt uns allen. Wir sollen nicht nur sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, sondern wir sollen auch entsprechend leben. Unser Wandel soll unserem Bekenntnis entsprechen, unsere Taten sollen unsere Worte bestätigen, unser Leben soll zeigen, dass wir wirklich Kinder des Lichts sind. Das ist kein Aufruf zur Werkgerechtigkeit, als ob wir durch unseren Gehorsam die Gemeinschaft mit Gott verdienen könnten.

Es ist vielmehr ein Aufruf zur Wahrhaftigkeit, zur Aufrichtigkeit, zur Übereinstimmung zwischen Glauben und Leben. – Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen (Epheser 2,8-10).

Wir sind gerettet aus Gnade durch den Glauben, aber wir sind gerettet zu guten Werken, zu einem Leben im Licht, zu einem Wandel in der Wahrheit. Die Gnade Gottes ist nicht eine Entschuldigung für ein sündiges Leben, sondern die Kraft zu einem neuen Leben.

Darum dürfen wir die Gnade Gottes nicht missverstehen. Viele reden heute von Gnade, aber leben, als wäre sie eine Blankovollmacht für ein Leben nach eigenen Maßstäben. Doch die Gnade, die uns rettet, ist dieselbe Gnade, die uns verändert. Sie ruft uns heraus aus der Finsternis, hinein in ein Leben, das Gott ehrt. Wer behauptet, die Gnade zu besitzen, aber weiterhin bewusst in der Sünde lebt, der täuscht sich selbst. Die heilige Schrift sagt klar: – Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch; denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Römer 6,14). Gnade ist kein Mantel, der Schuld zudeckt, sondern die Kraft, die uns befähigt, anders zu leben – im Licht, in der Wahrheit, in der Heiligung.

Darum ist es notwendig, dass wir uns prüfen: Ob unser Leben wirklich die Frucht der Gnade zeigt. Ob unser Wandel dem entspricht, wozu wir gerettet wurden. Ob wir das Licht lieben oder die Finsternis. Denn wer im Licht lebt, der flieht die Sünde, der sucht die Gemeinschaft mit Gott, der ringt um ein reines Herz und einen geraden Weg. Die Gnade Gottes ist nicht billig; sie hat Christus das Kreuz gekostet. Und sie ruft uns zu einem Leben, das dieses Opfer widerspiegelt.

Paulus fragt: – Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind? (Römer 6,1-2). Wer wirklich die Gnade Gottes erfahren hat, der kann nicht gleichgültig weiterleben wie zuvor. Die Gnade verwandelt, erneuert, heiligt. Sie macht uns zu neuen Menschen, die nicht mehr in der Finsternis wandeln, sondern im Licht.

Lasst uns also prüfen, ob unser Bekenntnis und unser Wandel übereinstimmen. Lasst uns nicht lügen, indem wir behaupten, Gemeinschaft mit Gott zu haben, während wir in der Finsternis wandeln. Lasst uns vielmehr die Wahrheit tun, indem wir unsere Sünden bekennen, uns von ihnen abwenden und im Gehorsam gegen Gottes Gebote leben. Lasst uns im Licht wandeln, wie er im Licht ist, und die echte, tiefe, beständige Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus suchen. Denn nur in dieser Gemeinschaft finden wir wahres Leben, wahren Frieden, wahre Freude. – Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben (1. Johannes 2,25). Amen.