Johannes deckt hier eine der gefährlichsten Täuschungen auf: die religiöse Selbstzufriedenheit, die Gott mit Worten ehrt, während das Herz fern von ihm ist. Diese Warnung trifft jeden, der meint, Frömmigkeit sei eine Sache der Bekenntnis und nicht des ganzen Lebens.

1.Johannes 1,6: – Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.

Die Schärfe dieser Aussage duldet keine Abschwächung. Johannes redet nicht von einem bedauerlichen Missverständnis oder einem harmlosen Irrtum. Er nennt die Sache beim Namen: Es ist eine Lüge, wenn wir behaupten, mit Gott in Gemeinschaft zu stehen, während unser Leben von der Finsternis geprägt ist. Und diese Lüge wiegt umso schwerer, als sie nicht nur Menschen, sondern Gott selbst betrifft. Sie ist nicht nur ein Verstoß gegen das achte Gebot, – Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, sondern eine Lästerung gegen die Heiligkeit Gottes selbst.

Denn wer mit seinem Mund Gemeinschaft mit dem heiligen Gott bekennt, während er mit seinem Leben die Sünde umarmt, der macht Gott zum Lügner und behauptet, dass Gottes Wesen vereinbar sei mit der Finsternis.

Und gerade diese Wahrheit ist heute für viele – selbst für Christen – eine Zumutung. Sie widerspricht dem weichgespülten Glauben unserer Zeit, der Gott als freundlichen Begleiter versteht, aber nicht als den heiligen Herrn. Für viele ist diese Wahrheit eine Torheit, weil sie das bequeme Selbstbild zerstört und den Menschen in das Licht stellt, das alles aufdeckt. Doch Johannes scheut diese Klarheit nicht: Wer im Licht leben will, muss die Finsternis verlassen.

Die alttestamentlichen Propheten haben unermüdlich gegen diese religiöse Heuchelei gekämpft. Jesaja richtet im Namen Gottes eine vernichtende Anklage gegen das Volk Israel: – Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! (Jesaja 1,16). Das Volk kam regelmäßig zum Tempel, brachte Opfer dar, hielt die Festzeiten ein – äußerlich war alles in Ordnung. Aber Gott schaute auf ihre Herzen und sah Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Lieblosigkeit.

Ihre religiösen Handlungen waren ihm ein Gräuel, weil sie nicht von einem Leben der Gerechtigkeit begleitet wurden. – Was soll mir die Menge eurer Opfer sein?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke (Jesaja 1,11).

Amos verkündigt in derselben Linie: – Ich bin euren Feiertagen Gramm und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es strömt aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Amos 5,21-24).

Gott will keine religiöse Fassade, keine frommen Rituale ohne Herzensumkehr, keine äußeren Formen ohne innere Wahrhaftigkeit. Er fordert, dass unser ganzes Leben mit unserem Bekenntnis übereinstimmt, dass wir die Wahrheit nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern mit unserem Wandel tun.

Dieses Tun der Wahrheit ist ein Ausdruck, der uns heute fremd geworden ist. Wir denken gewöhnlich, dass man die Wahrheit erkennt, dass man sie glaubt, dass man sie bekennt – aber dass man sie tut? Johannes verwendet hier ein Verb, wo wir ein Substantiv erwarten würden. Die Wahrheit ist für ihn nicht nur eine Lehre, die man für richtig hält, sondern eine Wirklichkeit, nach der man lebt. Die Wahrheit tun bedeutet, dass unser gesamtes Dasein von der Wahrheit Gottes durchdrungen und geformt wird, dass wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Gottes leben, dass unsere Gedanken, Worte und Werke dem entsprechen, was Gott über sich selbst, über uns und über die Welt offenbart hat.

Diese Sichtweise der Wahrheit finden wir auch bei unserem Herrn Jesus Christus. Er sagt: – Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6). Jesus ist nicht nur ein Lehrer der Wahrheit, sondern er ist die Wahrheit. In seiner Person, in seinem Wesen, in seinem ganzen Sein ist die Wahrheit Gottes verkörpert. Und weil er die Wahrheit ist, kann man die Wahrheit nicht von ihm trennen. Man kann nicht an die Wahrheit glauben und gleichzeitig Christus ablehnen; man kann nicht behaupten, die Wahrheit zu kennen, und doch in Ungehorsam gegen sein Wort leben.

Jesus sagt auch: – Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen (Johannes 14,23). Die Liebe zu Christus zeigt sich im Gehorsam gegen sein Wort, und der Gehorsam gegen sein Wort ist das Tun der Wahrheit.

Doch wer nur davon redet, aber die Wahrheit nicht tut, wer das Wort Gottes nicht ernst nimmt, sondern es nach Belieben beugt oder ignoriert, der spottet Gott und lästert den Heiligen Geist. Denn der Geist der Wahrheit ist es, der uns in alle Wahrheit führt (Johannes 16,13). Wer sich der Wahrheit verweigert, verweigert sich dem Geist. Und wer das Licht meidet, obwohl er es kennt, der macht sich selbst zum Richter über Gott und erklärt seine Gebote für entbehrlich. Das ist nicht nur Ungehorsam – es ist geistliche Anmaßung.

Der Apostel Paulus entfaltet diesen Gedanken im Epheserbrief, wo er die Gemeinde ermahnt: – Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind (Epheser 4,25). Der Apostel spricht hier nicht nur vom Ablegen der ausgesprochenen Lüge, der bewussten Unwahrheit in Worten, sondern vom Ablegen jeder Form der Unaufrichtigkeit, der Heuchelei, der Verstellung. Die Wahrheit reden bedeutet mehr als nur keine falschen Aussagen zu machen; es bedeutet, in allen Dingen wahrhaftig zu sein, nichts vorzutäuschen, was nicht der Wirklichkeit entspricht, keine Maske zu tragen, hinter der sich ein anderer Mensch verbirgt. Es ist die Übereinstimmung von Sein und Schein, von Innerem und Äußerem, von Herz und Mund.

Doch zurück zu unserem Vers. Johannes sagt, dass wir – in der Finsternis wandeln. Was bedeutet das genauer? Die Finsternis ist in der Heiligen Schrift ein Bild für den Zustand der Gottferne, der Sünde, der Unwissenheit über Gott, der Ablehnung seiner Herrschaft. Die Finsternis ist der Bereich, in dem Gott nicht regiert, in dem sein Wille nicht geschieht, in dem seine Gebote nicht gelten.

Paulus beschreibt den natürlichen Zustand des Menschen: – Denn auch wir waren Früher unverständig, ungehorsam, ging in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebte in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander (Titus 3,3). Das ist das Leben in der Finsternis: ein Leben ohne Gott, ohne Hoffnung, ohne Liebe, getrieben von den eigenen Begierden und verhärtet gegen die Stimme des Gewissens.

Wer in der Finsternis wandelt, der kennt den Weg nicht, der stolpert über die Hindernisse, der sieht nicht, wohin er geht. Jesus sagt: – Wer aber bei Nacht umhergeht, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm (Johannes 11,10). Die Finsternis führt zur Orientierungslosigkeit, zur Verwirrung, zum Fall. Der Mensch ohne Gott hat keine verlässlichen Maßstäbe für sein Leben, er weiß nicht, was gut und böse ist, er folgt den wechselnden Stimmungen seines Herzens und den Moden seiner Zeit.

Er meint, frei zu sein, ist aber in Wahrheit gebunden an die Mächte der Finsternis. – Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel (Epheser 6,12).

Die Finsternis ist nicht nur ein Zustand der Unwissenheit, sondern auch ein Zustand der Schuld. Wer in der Finsternis wandelt, der lebt in der Sünde, der tut die Werke der Finsternis, die Paulus aufzählt: – Diese sind offenbar: Ehebruch, Unzucht, Unreinheit, Zügellosigkeit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Selbstsucht, Zwietracht, Parteiungen, Neid, Mord, Trunkenheit, Gelage und dergleichen (Galater 5,19-21). Diese Werke gehören zur Finsternis, weil sie Gottes Willen widersprechen, weil sie sein Gebot übertreten, weil sie aus einem Herzen kommen, das von Gott abgewandt ist.

Und nun kommt das Erschreckende: Es ist möglich, all dies zu tun und dennoch zu sagen, dass man Gemeinschaft mit Gott hat! Es ist möglich, die Werke der Finsternis zu tun und dabei ein frommes Gesicht aufzusetzen. Es ist möglich, in der Sünde zu leben und sich dennoch für einen Christen zu halten. Die menschliche Selbsttäuschung kennt keine Grenzen. Das Herz ist – überaus trügerisch (Jeremia 17,9), es redet uns ein, dass alles in Ordnung sei, dass Gott nicht so genau nehme, dass unsere Sünden nicht so schwer seien, dass wir im Vergleich zu anderen doch ganz anständig leben. Das Herz sagt uns: „Du gehst doch zur Kirche, du betest doch, du glaubst doch an Gott – also hast du Gemeinschaft mit ihm, auch wenn in deinem Leben nicht alles perfekt ist.“

Aber Johannes durchbricht diese Selbsttäuschung mit der Klarheit des göttlichen Wortes. Er sagt: Wenn du so redest, wenn du meinst, Gemeinschaft mit Gott zu haben, während du in der Finsternis wandelst, dann lügst du. Du täuschst nicht nur andere, du täuschst nicht nur dich selbst, sondern du versuchst, Gott zu täuschen – was unmöglich ist, denn – alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben (Hebräer 4,13).

Gott lässt sich nicht spotten. Er sieht nicht auf das, was vor Menschen gilt, sondern auf das Herz. – Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der HERR auf das, woraufhin ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an (1. Samuel 16,7).

Diese Lüge ist umso gefährlicher, als sie religiös verpackt ist. Es gibt weltliche Lügen, die jeder als solche erkennt. Aber es gibt auch fromme Lügen, die unter dem Deckmantel der Gottesfurcht daherkommen. Der Pharisäer im Tempel betete: – Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme (Lukas 18,11-12). Der Pharisäer sprach die Wahrheit über seine religiösen Leistungen – er fastete wirklich, er gab wirklich den Zehnten. Aber er log über seinen Zustand vor Gott. Er meinte, durch seine Werke gerecht zu sein, er meinte, Gemeinschaft mit Gott zu haben, weil er sich religiös betätigte.

– Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht zum Himmel heben, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! (Lukas 18,13). – Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht dasselbe. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden (Lukas 18,14).

Und hier begeht die Kirche unserer Zeit eine ihrer größten Sünden: Sie redet den Menschen ein, dass alles in Ordnung sei. Sie beruhigt das Gewissen, wo Gott es aufwecken will. Sie spricht Frieden, wo Gott keinen Frieden verheißt (vgl. Jeremia 6,14). Damit spottet sie Gott und lästert den Heiligen Geist, der die Welt überführt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht (Johannes 16,8). Eine Kirche, die die Wahrheit verschweigt, führt verirrte Seelen nicht zu Christus, sondern in die ewige Verdammnis. Denn wer das Licht nicht mehr verkündigt, der lässt die Menschen in der Finsternis zurück.

Was ist nun die rechte Antwort auf diese ernste Warnung des Johannes? Zunächst müssen wir erkennen, dass es hier nicht um Vollkommenheit im Sinne absoluter Sündlosigkeit geht. Johannes wird später in demselben Kapitel sagen: – Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns (1. Johannes 1,8). Es geht also nicht darum, dass ein Christ niemals mehr sündigen würde. Das wäre eine andere Form der Lüge. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Ausrichtung des Lebens, um den Wandel, um die beständige Haltung, aus der heraus wir leben. Wandeln bedeutet nicht stolpern, nicht einmalig fallen, sondern den Weg gehen, auf dem wir uns bewegen, die Richtung, die wir eingeschlagen haben.

Der Unterschied ist entscheidend: Ein Christ kann sündigen, kann straucheln, kann fallen – aber er wandelt nicht in der Sünde. Das heißt, er hat die Sünde nicht zu seinem Lebenselement gemacht, er hat sie nicht als seine Heimat gewählt, er ist nicht in ihr zu Hause. Wenn er fällt, bleibt er nicht liegen, sondern steht durch Gottes Gnade wieder auf. Wenn er strauchelt, sucht er nicht Entschuldigungen, sondern Vergebung. Wenn er sündigt, beruhigt er nicht sein Gewissen, sondern bekennt seine Schuld.

Das ist der Unterschied zwischen einem Christen, der noch gegen die Sünde kämpft, und einem Menschen, der in der Finsternis wandelt und sich dennoch für einen Gläubigen hält.

Luther hat diesen Unterschied treffend beschrieben. Er sagte, der Gerechte sei „simul iustus et peccator“ – zugleich gerecht und Sünder. Das bedeutet: Der Christ ist durch Christus gerecht gesprochen, er hat Vergebung empfangen, er steht in der Gnade – das ist seine Stellung vor Gott. Aber in sich selbst ist er noch nicht vollkommen, er trägt noch die alte Natur an sich, er muss täglich gegen die Sünde kämpfen – das ist seine Erfahrung in dieser Welt. Doch gerade weil er gerecht gesprochen ist, hasst er die Sünde, kämpft gegen sie, leidet unter ihr und sucht täglich die Vergebung und Reinigung durch das Blut Christi. Das ist etwas ganz anderes als in der Finsternis zu wandeln und dabei zu behaupten, Gemeinschaft mit Gott zu haben.

Der Apostel Paulus beschreibt diesen inneren Kampf eindrücklich: – Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Römer 7,19). Paulus leidet darunter, dass er nicht so leben kann, wie er möchte, dass die Sünde noch in ihm wirkt, dass er immer wieder scheitert. Aber eben dieses Leiden zeigt, dass er nicht in der Finsternis wandelt!

Wer in der Finsternis wandelt, der leidet nicht unter der Sünde, sondern genießt sie. Wer in der Finsternis wandelt, der kämpft nicht gegen die Sünde, sondern pflegt sie. Wer in der Finsternis wandelt, der sucht keine Vergebung, weil er seine Schuld nicht sieht oder nicht zugeben will. Paulus aber ruft aus: – Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen aus diesem Leib des Todes? (Römer 7,24). Und er gibt selbst die Antwort: – Danke sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde (Römer 7,25).

Hier liegt die Lösung: nicht in unserer eigenen Kraft, nicht in unserer eigenen Frömmigkeit, sondern in Jesus Christus. Er ist das Licht der Welt, und wer ihm nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben (Johannes 8,12). Die Gemeinschaft mit Gott ist nicht etwas, das wir aus eigener Anstrengung erreichen können. Sie ist ein Geschenk der Gnade, das wir durch den Glauben an Jesus Christus empfangen. Christus hat die Trennung zwischen Gott und uns aufgehoben, indem er für unsere Sünden gestorben ist. – Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die ganze Welt. (1. Johannes 2,2).

Doch diese Gnade ist nicht eine Einladung zur Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde. Im Gegenteil, sie ist die Kraft zu einem neuen Leben. Paulus schreibt: – Denn: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben (Titus 2,11-12). Die Gnade erzieht uns, sie verändert uns, sie heiligt uns. Sie lässt uns nicht so, wie wir sind, sondern macht uns zu neuen Menschen, die nicht mehr in der Finsternis wandeln, sondern im Licht.

Die Prüfung unseres Herzens ist also notwendig und heilsam. Paulus ermahnt: – Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wärt ihr ja untüchtig (2. Korinther 13,5). Wir sollen uns fragen: Stimmt mein Bekenntnis mit meinem Leben überein? Ist mein Wandel ein Wandel im Licht oder ein Wandel in der Finsternis? Liebe ich die Sünde oder kämpfe ich gegen sie? Suche ich Entschuldigungen oder Vergebung? Rechtfertige ich mein Verhalten oder beuge ich mich unter Gottes Wort?

All diese Fragen sind nicht angenehm, aber sie sind notwendig, damit wir nicht in Selbsttäuschung leben.

Und wenn wir bei dieser Prüfung entdecken, dass wir tatsächlich in der Finsternis wandeln, dass unser Bekenntnis eine Lüge ist, dass wir die Wahrheit nicht tun – was dann? Dann sollen wir nicht verzweifeln, sondern umkehren. Dann sollen wir nicht unsere Sünde rechtfertigen, sondern bekennen. Dann sollen wir nicht in der Selbsttäuschung verharren, sondern die Wahrheit über uns selbst erkennen und zu Gott umkehren. – Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR, denn ich bin euer Herr! (Jeremia 3,14). Gott ruft uns zur Umkehr, nicht zur Verdammnis. Er will uns nicht verloren gehen lassen, sondern retten. Er will nicht, dass wir in der Finsternis bleiben, sondern zum Licht kommen.

Diese Umkehr ist nicht ein einmaliges Ereignis, sondern ein beständiger Prozess. Luther sagte, dass das ganze Leben des Christen Buße sein soll. Jeden Tag müssen wir uns prüfen, jeden Tag müssen wir unsere Sünden bekennen, jeden Tag müssen wir neu die Vergebung ergreifen, jeden Tag müssen wir uns entscheiden, nicht in der Finsternis zu wandeln, sondern im Licht. Das ist keine Last, sondern eine Befreiung. Denn wo die Sünde bekannt und vergeben wird, da herrscht Friede. Wo die Wahrheit getan wird, da ist Freude. Wo im Licht gewandelt wird, da ist Gemeinschaft mit Gott.

Die Wahrheit tun bedeutet also, in dieser beständigen Haltung der Buße und des Glaubens zu leben. Es bedeutet, unsere Sünde nicht zu verbergen, sondern zu bekennen. Es bedeutet, nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit zu vertrauen, sondern auf die Gerechtigkeit Christi. Es bedeutet, nicht in der Finsternis zu wandeln, sondern im Licht. Es bedeutet, nicht zu lügen über unseren Zustand, sondern ehrlich zu sein vor Gott und Menschen. Es bedeutet, unser Leben so zu führen, dass es unserem Bekenntnis entspricht, dass unsere Taten unsere Worte bestätigen, dass unser Wandel zeigt, dass wir wirklich Gemeinschaft mit Gott haben.

Lasst uns darum diese Ermahnung des Johannes ernst nehmen. Lasst uns nicht sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, während wir in der Finsternis wandeln. Lasst uns nicht lügen über unseren geistlichen Zustand. Lasst uns nicht die Wahrheit nur mit dem Mund bekennen, sondern mit unserem Leben tun. Lasst uns prüfen, ob wir wirklich im Licht wandeln oder ob wir uns nur selbst betrügen. Und wo wir erkennen, dass wir gefehlt haben, lasst uns umkehren, bekennen, Vergebung empfangen und neu anfangen im Licht zu wandeln.

Denn nur so haben wir wahre Gemeinschaft mit Gott – nicht durch fromme Worte, nicht durch religiöse Rituale, nicht durch äußere Zugehörigkeit zur Gemeinde, sondern durch ein Leben, das der Wahrheit entspricht, das im Licht wandelt, das in der Gnade steht und aus der Gnade lebt. – Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde (1. Johannes 1,7). Das ist die Verheißung, die uns gegeben ist. Das ist der Weg, auf dem wir gehen sollen. Das ist das Ziel, dem wir entgegenstreben: die vollkommene Gemeinschaft mit Gott in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.