Als der Herr das Gleichnis vom Sämann beendet hatte und die Menge noch am Ufer stand, traten die Jünger zu ihm mit einer Frage, die uns allen auf dem Herzen liegen mag: Warum redet er zu ihnen in Gleichnissen?

Es scheint doch, als würde eine klare, unmissverständliche Rede besser dienen, wenn es darum geht, Menschen zum Glauben zu führen. Doch die Antwort unseres Herrn öffnet uns einen tiefen Einblick in die Geheimnisse des Himmelreichs und in die Art und Weise, wie Gott mit den Menschen handelt.

Matthäus 13,10-17: – Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: Ihre Ohren hören schwer und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.« Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört.

Jesus antwortet seinen Jüngern mit Worten, die zunächst hart klingen mögen: – Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben. Hier offenbart sich eine grundlegende Wahrheit des Evangeliums, nämlich dass das Verstehen göttlicher Dinge nicht aus menschlicher Klugheit oder eigenem Vermögen kommt, sondern eine Gabe Gottes ist.

Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther: – Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden (1. Korinther 2,14). Das geistliche Verständnis wird uns durch den Heiligen Geist geschenkt, nicht durch eigene Anstrengung erworben. Dies ist ein Geheimnis der göttlichen Erwählung, das wir in Demut annehmen müssen, ohne zu grübeln über Gottes unerforschliche Ratschlüsse.

So sehr wir uns auch bemühen, Gottes Geheimnisse biblisch und theologisch auszuarbeiten, bleibt doch jede menschliche Erkenntnis Stückwerk: – Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk (1. Korinther 13,9). Wir dürfen und sollen forschen, fragen, prüfen, unterscheiden; aber immer in dem Bewusstsein, dass unser Denken nur dann fruchtbar wird, wenn der Geist Gottes es erleuchtet. Ohne diese göttliche Erhellung gleiten wir leicht entweder in geistlichen Stolz oder in spekulative Grübelei ab.

Doch wo der Heilige Geist uns die Heilige Schrift öffnet, da wird Erkenntnis zu Anbetung, Lehre zu Leben, und das Geheimnis Gottes zu einer Einladung, Ihm zu vertrauen, auch wenn wir nicht alles verstehen.

Die Jünger haben etwas empfangen, was anderen nicht gegeben ist. Das bedeutet nicht, dass Gott willkürlich einige bevorzugt und andere verwirft, sondern es zeigt, dass der Glaube selbst ein Geschenk der Gnade ist. – Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es (Epheser 2,8). Die Jünger hatten Jesus nachfolgen dürfen; sie hatten seine Werke gesehen, seine Worte gehört, und der Vater im Himmel hatte ihnen die Augen des Herzens geöffnet, damit sie in diesem Jesus von Nazareth den verheißenen Messias erkennen konnten. Petrus bekennt später: – Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!, und Jesus antwortet ihm: – Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel (Matthäus 16,16–17). Das Erkennen der göttlichen Wahrheit ist also eine Offenbarung von oben.

Dann fügt der Herr ein Wort hinzu, das uns zu tiefem Nachdenken herausfordert: – Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Dieses Wort klingt zunächst hart und ungerecht. Doch es beschreibt ein geistliches Gesetz, das überall in der Heiligen Schrift bezeugt wird. Wer das Wort Gottes aufnimmt und bewahrt, dem wird mehr Erkenntnis, mehr Gnade, mehr Glaube gegeben. Wer aber das Wort verachtet und verstockt bleibt, dem wird selbst das wenige Licht, das er noch hat, genommen werden.

Der Prophet Hosea klagt: – Mein Volk ist dahin, weil es ohne Erkenntnis ist. Denn du hast die Erkenntnis verworfen; darum will ich dich auch verwerfen, dass du nicht mehr mein Priester sein sollst. Du vergisst das Gesetz deines Gottes; darum will auch ich deine Kinder vergessen (Hosea 4,6). Die Ablehnung des göttlichen Wortes führt unweigerlich zu noch größerer Finsternis. Wer dem Licht ausweicht, wird in immer tiefere Dunkelheit geraten.

Vorsicht, liebe bibeltreuen Christen: Hüten wir uns vor jedem geistlichen Stolz, als hätten wir aus eigener Kraft begriffen, was allein Gottes Geist offenbart. Erkenntnis ist Gnade, nicht Verdienst. Doch zugleich ergeht eine ernste Mahnung an jene Christen und an die Kirche unserer Zeit, die sich vom Gesetz Gottes und von seinem heiligen Wort abwenden – wie wir es aktuell beobachten. Wo menschliche Meinungen über die göttliche Wahrheit gestellt werden, wo das klare Zeugnis der Heiligen Schrift relativiert oder verworfen wird, da verliert die Kirche ihre Leuchtkraft. Denn wer das Licht nicht mehr liebt, der wird es unweigerlich verlieren.

Darum lasst uns in Demut am Wort bleiben und in Liebe mahnen, damit wir nicht selbst in jene Finsternis geraten, vor der der Herr uns warnt.

Warum aber redet Jesus nun in Gleichnissen? Seine Antwort zeigt uns, dass die Gleichnisse eine zweifache Wirkung haben. Für die, deren Herzen offen sind, sind sie wie Fenster, durch die das Licht des Himmels hereinfällt und die göttlichen Wahrheiten erhellt. Für die aber, deren Herzen verhärtet sind, werden dieselben Gleichnisse zu einem Schleier, der die Wahrheit verbirgt. – Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Das ist nicht etwa, weil die Gleichnisse zu schwer oder zu verworren wären, sondern weil die Herzen verschlossen sind. Die Gleichnisse offenbaren und verhüllen zugleich, sie richten und sie retten. Sie sind ein Gericht über die Verstockten und eine Gnade für die Glaubenden.

Jesus zitiert hier die erschütternden Worte des Propheten Jesaja, die dieser hören musste, als er zu seinem prophetischen Dienst berufen wurde: – Und er sprach zu mir: „Geh, und sage diesem Volk: ‚Hört nur zu, ihr versteht ja doch nichts; seht nur hin, ihr werdet trotzdem nichts erkennen!‘ Verstocke das Herz dieses Volkes und verstopfe seine Ohren! Verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht einsichtig wird, sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft! (Jesaja 6,9-10).

Diese Worte beschreiben die furchtbare Wirklichkeit der geistlichen Verhärtung. Es ist nicht so, dass Gott den Menschen die Umkehr unmöglich macht, sondern dass die Menschen selbst durch ihre beständige Ablehnung des göttlichen Wortes ihre Herzen so verhärten, dass sie schließlich nicht mehr hören und sehen können. Die Verstockung ist eine Folge des andauernden Widerstandes gegen Gottes Gnade.

Paulus nimmt dieses Wort Jesajas wieder auf, als er am Ende der Apostelgeschichte zu den Juden in Rom spricht, die das Evangelium ablehnen: – Mit Recht hat der Heilige Geist durch den Propheten Jesaja zu euren Vätern gesagt: Geh hin zu diesem Volk und sprich: Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen, und mit den Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen (Apostelgeschichte 28,25-26). Die Verstockung, die schon zur Zeit Jesajas begonnen hatte, setzte sich fort in den Tagen Jesu und darüber hinaus. Es ist eine ernste Mahnung für uns alle, dass wir nicht meinen, es könne uns nicht ebenso ergehen. Wer beständig sein Ohr verschließt vor dem Wort Gottes, wer immer wieder das Gewissen zum Schweigen bringt, der läuft Gefahr, schließlich ganz verhärtet zu werden, sodass keine Umkehr mehr möglich ist. Der Hebräerbrief warnt eindringlich: – Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht (Hebräer 3,7-8).

Die Verstockung ist das schrecklichste Gericht, das über einen Menschen kommen kann, denn sie bedeutet, dass er die Fähigkeit verliert, das Heil zu erkennen, das doch so nahe ist. Der Pharao, von dem wir im zweiten Buch Mose lesen, ist ein erschütterndes Beispiel dafür. Immer wieder heißt es: – Aber der Pharao verstockte sein Herz (2. Mose 8,15), und schließlich lesen wir: – Aber der Herr verstockte das Herz des Pharao (2. Mose 9,12). Gott bestätigt und besiegelt durch sein richtendes Handeln das, was der Mensch selbst gewählt hat. Das ist die furchtbare Ernst der Sünde wider den Heiligen Geist, von der Jesus sagt, dass sie nicht vergeben werden kann (Matthäus 12,31-32), nicht weil Gottes Gnade nicht ausreichen würde, sondern weil der verhärtete Mensch keine Buße mehr tun will und kann.

Doch inmitten dieser ernsten Worte über Verstockung und Gericht leuchtet ein helles Licht auf: – Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. Was für ein Trost liegt in diesen Worten! Die Jünger, und mit ihnen alle, die glauben, sind selig gepriesen, nicht weil sie besser oder frömmer wären als andere, sondern weil ihnen die Gnade zuteil geworden ist, zu sehen und zu hören. Sie dürfen erkennen, was verborgen ist vor den Weisen und Klugen dieser Welt, wie Jesus an anderer Stelle betet: – Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart (Matthäus 11,25).

Diese Seligkeit ist keine geringe Sache. Jesus macht seinen Jüngern deutlich, welch unermessliches Vorrecht ihnen zuteil geworden ist: – Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört. Die Propheten des Alten Bundes, Abraham, Mose, David, Jesaja, Jeremia, all die Gerechten, die auf den verheißenen Erlöser warteten und nach ihm Ausschau hielten, sie haben ihn nicht gesehen. – Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich, wie Jesus selbst bezeugte (Johannes 8,56), aber er sah ihn nur von ferne, im Glauben, nicht leibhaftig. Die Jünger aber durften den Herrn der Herrlichkeit schauen, seine Worte hören, seine Taten sehen, bei ihm sein Tag und Nacht. Was für ein unaussprechliches Geschenk!

Petrus schreibt später in seinem ersten Brief über diese Propheten: – Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist; was auch die Engel begehren zu schauen (1. Petrus 1,12). Selbst die Engel im Himmel schauen mit Staunen auf das Geheimnis der Erlösung, das sich in Christus erfüllt hat. Und wir, wir dürfen daran teilhaben! Wir dürfen nicht nur von diesem Heil hören, sondern es in Christus empfangen und in Ewigkeit besitzen.

Diese Erkenntnis sollte in uns eine tiefe Dankbarkeit und Ehrfurcht wecken. Wir leben in einer Zeit, da das volle Licht des Evangeliums hell leuchtet, da die Heilige Schrift in unserer Sprache vor uns liegt, da die Gnade Gottes in Christus klar verkündigt wird. Was für eine Verantwortung liegt darin! – Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern (Lukas 12,48). Wir können uns nicht damit entschuldigen, wir hätten nichts gewusst, wir hätten nichts gehört. Das Wort ist uns nahe, es ist in unserem Mund und in unserem Herzen, wie Paulus den Römern schreibt (Römer 10,8): – Das Wort, das von Gott kommt, ist euch ganz nahe; es ist in eurem Mund und in eurem Herzen.

Zugleich mahnt uns dieser Abschnitt zur Fürbitte für jene, die noch nicht sehen und hören. Wenn es wahr ist, dass das geistliche Verständnis eine Gabe Gottes ist, dann können wir nichts Besseres tun, als für unsere Mitmenschen zu beten, dass Gott ihnen die Augen öffne und ihre Ohren, damit sie das Evangelium erkennen. Der Apostel Paulus schreibt: – Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Timotheus 2,3-4). Gott will nicht, dass Menschen verloren gehen. Seine Gleichnisse sind nicht dazu bestimmt, Menschen von ihm fernzuhalten, sondern sie sind ein Mittel, durch das er die Herzen prüft und zugleich die Gläubigen unterweist. Wo ein offenes Herz ist, da wird das Gleichnis zur leuchtenden Fackel, die den Weg zum Himmelreich weist.

Lasst uns also diese Gabe des Sehens und Hörens nicht leichtfertig ansehen! Lasst uns täglich Gott danken, dass er uns die Augen geöffnet hat für sein Heil! Lasst uns fleißig sein im Hören seines Wortes, im Forschen in der Heiligen Schrift, im Gebet um rechtes Verständnis! Denn – der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi (Römer 10,17). Und lasst uns zugleich wachsam sein, dass wir nicht durch eigene Schuld wieder taub und blind werden für die Stimme unseres Herrn. Die Gnade des geistlichen Sehens und Hörens will bewahrt, genährt und gepflegt werden durch beständigen Umgang mit Gottes Wort und durch ein Leben in der Nachfolge Christi.

So schließt sich der Kreis von dem Gleichnis des Sämanns zu dieser Erklärung, warum Jesus in Gleichnissen redet. Das Wort Gottes ist der Same, der ausgestreut wird, und die Art, wie wir es hören und aufnehmen, entscheidet über unser ewiges Schicksal. Selig sind, die es hören und bewahren, denn sie werden Frucht bringen in Ewigkeit. Ihnen ist gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, und diese Gabe ist kostbarer als alle Schätze dieser Welt. Amen.